Donnerstag, 29. April 2010

Es durfte so sein

Gestern war es ganz schön heiss in unserem Gruppenraum in der JVA. Und das lag nicht nur an der Sonneneinstrahlung.

Vier Häftlinge waren mit uns zusammen. Diesmal liesen wir die Körpertrance vom Beginn übergehen in die Wahrnehmung der inneren Freiheit . . .
"lass dich auf ein Experiment ein . . . du hast die innere Freiheit jetzt realisiert . . . ganz sicher . . . wie fühlt es sich an . . . was erfährst du . . . wie ist dieser Raum von Leere . . .usw.?
Beim anschliessenden Erfahrungsaustausch standen alle noch sichtlich unter den gerade gemachten Eindrücken und Erfahrungen. Fast wollten sie gar nicht mehr weg von dieser friedlichen, liebe- und lichtvollen Erfahrung.

Bei den folgenden Einzelführungen konnten wir wiederum feststellen, wie schwer es den Männern fällt Ihre Gefühle wahrzunehmen. Oft hilft dann die Frage: "Welche Stimmung ist gerade da. Eher freudig oder eher ängstlich?" Und erst dann kamen leichte Ansätze von Gefühlswahrnehmungen.

Wiederum haben wir herausgestellt, dass dies der Weg in die Tiefe ist. Zunächst musst du es 100 %-ig wollen. Quasi als einzigster Wunsch der übrig geblieben ist. Den Gedanken nicht mehr glauben. Anhalten und genau schauen, was auftaucht und wie die Impulse fast wie automatisch kommen. Impulse, wieder so zu reagieren wie immer oder schon so oft. Und dann kannst du feststellen, wie es ist, jetzt diesen Impulsen nicht mehr zu folgen.
Wie ein Alkoholiker, der nicht mehr nach der Flasche greift. Der wirklich wissen will was dann passiert.

Dann hat Thilo erstmals thematisiert, dass wir hier viel Trauer wahrnehmen. Im Raum, im Gebäude, auf dem ganzen Areal.
Trauer, wo wir wissen, dass sich diese zusammensetzt aus einem Gefühl - Schmerz - und einer Geschichte. Dann kann die Geschichte losgelassen werden und der Schmerz kann zum ersten mal auftauchen. Wird gefühlt und verbrennt irgendwann. Nach ein paar Minuten.

Und wie das sei mit der Schuld? Das war natürlich der zentrale Punkt überhaupt im Leben der Häftlinge. Nach und nach kamen die Kommentare:
". . die ersten 2 Jahre war ich hochgradig Suizid gefährdet . . ."
". . ich nehme heute noch nach Jahren Medikamente und hatte 2 Nervenzusammenbrüche . . . "
". . ich kann erst jetzt nach Jahren langsam wieder ein paar Stunden am Stück schlafen . . ."

Wieder ging es uns darum dies alles nur zu fühlen. Die Gedanken Gedanken sein zu lassen und sich für die Gefühle zu öffnen. Dann wirst du lebendig und bist bereit alles anzunehmen wie es ist. Und das ist Liebe. Bedingungslose Liebe die nichts will. Die nichts braucht.
Und in dieser inneren Versenkung bat Thilo die Häftlinge innerlich den Satz zu sagen: "Es durfte so sein wie es war."
Keine Entschuldigung, keine Vergebung, kein Hintertürchen und schon gar kein die Tat gut finden. Einfach fühlen, was der Satz macht.

Da kam für mich die 'Hitze' auf, die ich zum Beginn bereits gespürt hatte.
Und auf gar keinen Fall war das leicht für die Männer. Ohne grosse Worte konnte jeder von uns spüren was da noch für Leid und Trauer und auch Angst steckt.

Am Ende fragten wir noch was eigentlich bisher am besten hilft. Von den Übungen, den Formaten oder Gesprächen. Einhellig war es der Wunsch nach noch mehr innerer Klärung, was Gedanken, was Empfindungen auf der Ebene des Körpers, was Gefühle und was Erfahrungen sind.
Einer meinte: "Ich glaube ich brauche einen ganz neuen Wortschatz um dies richtig benennen zu können."

Also werden wir auch daran weiter arbeiten.

Nächsten Mittwoch werden Thilo und ich von Redakteuren der 'UZ - unsere Zeitung' [ebenfalls Häftlinge] interviewt werden.

Und dann steht auch bereits das 1. Seminarwochenende vom 7. - 9.05.10 in der JVA an.

Ich lasse mich überraschen . . .


Bis bald wieder
Rainer

Donnerstag, 15. April 2010

Es tut sich was

Man könnte sagen ein "Schweben und Tönen" geht durch die JVA-Gemäuer.

Gestern waren Thilo und ich wieder gemeinsam in der JVA und konnten mit fünf Häftlingen arbeiten.
Dazu hatten wir noch Sandra, die Regisseurin und Sebastian, Kamera, dabei. Ich glaube Sandra war ein wenig aufgeregt. Und für uns Männer war es das erste mal, dass eine Frau mit dabei war. Irgendwie verhalten sich Männer in Gruppen dann doch ein wenig anders. Sandra hat sich persönlich und auch die Motivation des Filmteams vorgestellt. Am Ende sollten bei Interesse der Häftlinge Einzelporträts mit Foto erstellt werden.

Und nicht zu vergessen hatte ich zum ersten Mal auch mit Herrn Feelgood, dem Leiter der Sozialtherapeutischen Abteilung Kontakt. Es hat mich sehr beeindruckt, wie unkompliziert, offen und vor allem mit vollster Unterstützung er das Projekt unterstützt und überhaupt durch seine damalige Zusage ermöglicht hat. Demnächst wird es ein Interview in der Gefängniszeitung geben und vom 7. - 9.05.2010 ein ganzes Seminar-Wochenende.

"Schweben und Tönen" im Knast.
Die Körpertrance zum Einstieg ging diesmal dazu über, aufzustehen, einen Ton zu finden und den Ton mit dem wahrgenommenen Gefühl zu verbinden.
Bereits vorher hatten wir mit den Häftlingen die Vermutung geteilt, dass ihre immer wieder auftretenden Anstrengungen und 'schmerzenden' Füsse beim längeren stehen, eine Verschiebung ihres Festhaltens sein könnten. Da ich die Übung ebenfalls mitgemacht habe konnte ich einmal wieder ihre Wirkung erfahren, die Gefühle freier werden zu lassen und den Körper in Schwingung zu bringen.
Wie nicht anders zu erwarten fällt es den Männern noch schwer so im Raum zu stehen und da so einen Ton von sich zu geben. Ganz so wie uns Nicht-Häftlingen auch. Was mich wiederholt berührt hat war der deutlich erkennbare und auch ausgesprochene Wunsch von allen da weiterzumachen. Von daher sind wir alle auf das erste Seminar-Wochenende im Mai gespannt.

Erstmals gab es angeregt durch Thilo "Jeder muss jetzt eine Frage stellen" :-) einen guten Austausch über die Sichtweisen und Bedürfnisse der Teilnehmer. Damit war für mich deutlicher als bisher Nähe und beginnendes Vertrauen spürbar. Vielleicht lag das u. a. auch mit daran, dass Sandra dabei war.
Auch wenn es uns nicht um Geschichten der Einzelnen geht [Phantasien des Ego], gab es z. B. die Information, dass einer der Teilnehmer hier 10 Jahre seines Lebens verbringt und das er sich für seine Straftat schämt. Es gerne ungeschehen machen würde. Und ich glaube da war auch noch Angst über das Leben nach dem Knast. Quasi in Freiheit. Und auch Verbitterung darüber in der Gesellschaft auf ewig abgestempelt zu sein. Ohne Chance, dass Veränderungen und Entwicklungen sowie die Sühne und Strafe über alles gewürdigt werden.
Das schreibt sich hier so einfach. Klar ist mir, dass das später auf dem Prüfstein "Vermieter, Arbeitgeber, Nachbarn, etc." ganz real anstehen wird.

Das wir einen Blog, ein öffentliches Tagebuch schreiben, und das es eine Seite in der Community des Kamphausen-Verlages gibt, fanden alle sehr interessant. Für das nächste Mal bringe ich Ausdrucke von Beidem mit. Zur Information, aber auch als Ausdruck dieser gegenseitigen Offenheit.

Eine Frage an Thilo war, wie dieses aufgewachte Sein denn tatsächlich sein wird und ob er dass erfährt?
Jetzt nur zu sagen, dass dies nicht oder nur schwer in Worten beschrieben werden kann, wäre uns zu wenig gewesen. So haben wir unsere bisherigen eigenen Erfahrungen von Leere, Liebe und Ich-Losigkeit beschrieben Auch wenn diese bisher leider nicht von langer Dauer waren. Ganz deutlich haben wir auch nochmals herausgestellt, dass man das 'Aufwachen' nicht machen kann. Das die Arbeit hier keine Ausbildung oder ein Lernen ist. Vielmehr kann sich jeder begehrlich machen. Begehrlich für die Gnade.

Ein Teilnehmer berichtete von einem Schweben, dass er erfahren hat. Und dass er immer wieder darin verfällt das mit seinen Gedanken verstehen zu wollen.
Thilo führte dazu aus, dass sich dieser Prozess des sich nach innen Wendens, wie ein Sog nach unten anfühlen kann oder eben wie ein schweben. Schweben in der Unendlichkeit, der Leere, dem Nichts.

Bei dem Bericht eines Anderen, der von einer Therapiegesprächssituation erzählte, wo auf einmal seine Wut ganz weg war und er dieses Gespräch dann nur noch als 'Spielchen' empfand vermuteten wir das Ego im Spiel. Und vielleicht war diese Wut dann nicht 'verbrannt' sondern doch nur in den 'Keller' zu den Anderen gesperrt.
Verbrennen, was für uns heisst, dass Alles dasein darf wie es auftaucht und in der Folge nichts damit gemacht wird. Weder ausagieren noch eine Geschichte dazu machen. Und dann hört jedes Gefühl irgendwann auf. Ist 'verbrannt' Vielleicht nach 2 aber vielleicht auch erst nach 7 Minuten.
Aber die Themen kommen jetzt mehr und das macht auch uns Mut an unserem einjährigen Projekt dran zu bleiben.


Und für die weitere Körperarbeit wünschen sich [fast] alle 'Meditations-Socken'
Bei allem Spass meinte Thilo - das will er mal mit Helga bereden, da Helga ganz besondere Socken stricken kann.

So sehen wir zukünftig vielleicht noch besser ausgestattet dem kommenden Mittwoch und dem Wochenende im Mai entgegen um die Arbeit fortzusetzen.


Heute geht es gleich in Sachen Projekt weiter. Ein Freund aus meiner NLP-Ausbildung hat uns angeboten zu versuchen für das Projekt Fördermittel zu finden. Damit wäre uns auch viel geholfen, da wir bisher immer noch alles aus eigener Tasche zahlen. Ich muss mich korrigieren; es gibt ja bereits eine Privatspende!


Danke fürs lesen
Rainer

Donnerstag, 1. April 2010

Wo sind die Gefühle hin?

Als es gestern um 17.02 Uhr im Seminarraum der JVA endlich losgehen konnte, war nur ein Häftling anwesend. Auf meine Frage, wo denn die anderen seien, antwortete er, dass er das nicht so genau wüsste. Man sieht sich zwar hier und da, sofern man im gleichen Bereich einsitzt aber man spricht nicht soviel miteinander. O-Ton:
"Hier sucht man sich nicht gerade seine Freunde fürs Leben."

Aber dann kamen noch vier Weitere und wir sind gleich in eine geführte Atemübung eingestiegen.
Dem 'Energiekreis - Atem'.
Im Stehen, mit einem möglichst geraden Rücken, wird in der Vorstellung beim tiefen Einatmen der Atem vom tiefsten Punkt des Rumpfes, dem Wurzelchakra aus, geholt. Er fliesst dann weiter über den Rücken nach oben, bis über den Kopf, zum Scheitel wo dann das Ausatmen beginnt. Dann fliesst der Atem an der Vorderseite abwärts bis zum Wurzelchakra, wo das erneute Einatmen beginnt usw. Der Atem bildet so einen Kreis über und durch den ganzen Oberkörper. Mit zunehmender Zeit kann man gut die Energie, ein Strömen und das Vibrieren des Körpers spüren.
Nachdem 30 Minuten vergangen waren wurde sich wieder hingesetzt und nachgespürt. Beim anschliessenden Austausch über die Erfahrungen zeigte es sich wieder, dass Gefühle noch nicht wahrgenommen werden können. Der Austausch beschränkte sich auf kribbelnde Füsse und ein sich angenehm und wohl fühlen . . . Auf die Frage, was für ein Gefühl damit verbunden sei wurden Gedanken und Körperempfindungen benannt.

Wir werden an dem zentralen Thema Gefühle dran bleiben, da sie uns in die Tiefe zu den grundlegenden Gefühlen wie Angst, Schmerz und Freude führen können und damit in Richtung des bodenlosen Grundes.

Im Nachgang zu der Atemübung wurden die 7 Chakren besprochen und die energetisierende Wirkung des 'Energiekreis - Atem', da der Atem auf seinem Weg alle 7 Chakren stimuliert.

Die Häftlinge berichteten, dass sie in der zurückliegenden Woche weiter in den Büchern von Christian Meyer gelesen haben.
Einer hat sich in seiner Zelle ein Blatt Papier aufgehängt mit den Fragen:
* Was will ich?
* Was fühle ich?
* Wer bin ich?

Dieses 'Wer bin ich' lässt ihn seit dem nicht mehr los. Und er stellt sich diese Frage zunehmend den ganzen Tag über, bei jeder Handlung.

Nach der abschliessenden Trance, die zurückführte zu einem Zeitpunkt, wo der Frieden und die Liebe zum letzenmal deutlich erfahren wurden und wo Elemente der Bewusstheits-Übung einflossen, konnte einer der Teilnehmer berichten, dass er als 'Geschenk' in der Tiefe ein helles Leuchten wahrnehmen und sich als 'Zitronenfalter' erfahren konnte . . .
Ganz vertrauensvoll konnte er das sagen. Da war kein Gelächter oder Witzeleien der anderen. Auch sie hatten wohl Erfahrungen gemacht, die sie schweigend mit in ihre Zelle nahmen.

Rainer