Donnerstag, 15. April 2010

Es tut sich was

Man könnte sagen ein "Schweben und Tönen" geht durch die JVA-Gemäuer.

Gestern waren Thilo und ich wieder gemeinsam in der JVA und konnten mit fünf Häftlingen arbeiten.
Dazu hatten wir noch Sandra, die Regisseurin und Sebastian, Kamera, dabei. Ich glaube Sandra war ein wenig aufgeregt. Und für uns Männer war es das erste mal, dass eine Frau mit dabei war. Irgendwie verhalten sich Männer in Gruppen dann doch ein wenig anders. Sandra hat sich persönlich und auch die Motivation des Filmteams vorgestellt. Am Ende sollten bei Interesse der Häftlinge Einzelporträts mit Foto erstellt werden.

Und nicht zu vergessen hatte ich zum ersten Mal auch mit Herrn Feelgood, dem Leiter der Sozialtherapeutischen Abteilung Kontakt. Es hat mich sehr beeindruckt, wie unkompliziert, offen und vor allem mit vollster Unterstützung er das Projekt unterstützt und überhaupt durch seine damalige Zusage ermöglicht hat. Demnächst wird es ein Interview in der Gefängniszeitung geben und vom 7. - 9.05.2010 ein ganzes Seminar-Wochenende.

"Schweben und Tönen" im Knast.
Die Körpertrance zum Einstieg ging diesmal dazu über, aufzustehen, einen Ton zu finden und den Ton mit dem wahrgenommenen Gefühl zu verbinden.
Bereits vorher hatten wir mit den Häftlingen die Vermutung geteilt, dass ihre immer wieder auftretenden Anstrengungen und 'schmerzenden' Füsse beim längeren stehen, eine Verschiebung ihres Festhaltens sein könnten. Da ich die Übung ebenfalls mitgemacht habe konnte ich einmal wieder ihre Wirkung erfahren, die Gefühle freier werden zu lassen und den Körper in Schwingung zu bringen.
Wie nicht anders zu erwarten fällt es den Männern noch schwer so im Raum zu stehen und da so einen Ton von sich zu geben. Ganz so wie uns Nicht-Häftlingen auch. Was mich wiederholt berührt hat war der deutlich erkennbare und auch ausgesprochene Wunsch von allen da weiterzumachen. Von daher sind wir alle auf das erste Seminar-Wochenende im Mai gespannt.

Erstmals gab es angeregt durch Thilo "Jeder muss jetzt eine Frage stellen" :-) einen guten Austausch über die Sichtweisen und Bedürfnisse der Teilnehmer. Damit war für mich deutlicher als bisher Nähe und beginnendes Vertrauen spürbar. Vielleicht lag das u. a. auch mit daran, dass Sandra dabei war.
Auch wenn es uns nicht um Geschichten der Einzelnen geht [Phantasien des Ego], gab es z. B. die Information, dass einer der Teilnehmer hier 10 Jahre seines Lebens verbringt und das er sich für seine Straftat schämt. Es gerne ungeschehen machen würde. Und ich glaube da war auch noch Angst über das Leben nach dem Knast. Quasi in Freiheit. Und auch Verbitterung darüber in der Gesellschaft auf ewig abgestempelt zu sein. Ohne Chance, dass Veränderungen und Entwicklungen sowie die Sühne und Strafe über alles gewürdigt werden.
Das schreibt sich hier so einfach. Klar ist mir, dass das später auf dem Prüfstein "Vermieter, Arbeitgeber, Nachbarn, etc." ganz real anstehen wird.

Das wir einen Blog, ein öffentliches Tagebuch schreiben, und das es eine Seite in der Community des Kamphausen-Verlages gibt, fanden alle sehr interessant. Für das nächste Mal bringe ich Ausdrucke von Beidem mit. Zur Information, aber auch als Ausdruck dieser gegenseitigen Offenheit.

Eine Frage an Thilo war, wie dieses aufgewachte Sein denn tatsächlich sein wird und ob er dass erfährt?
Jetzt nur zu sagen, dass dies nicht oder nur schwer in Worten beschrieben werden kann, wäre uns zu wenig gewesen. So haben wir unsere bisherigen eigenen Erfahrungen von Leere, Liebe und Ich-Losigkeit beschrieben Auch wenn diese bisher leider nicht von langer Dauer waren. Ganz deutlich haben wir auch nochmals herausgestellt, dass man das 'Aufwachen' nicht machen kann. Das die Arbeit hier keine Ausbildung oder ein Lernen ist. Vielmehr kann sich jeder begehrlich machen. Begehrlich für die Gnade.

Ein Teilnehmer berichtete von einem Schweben, dass er erfahren hat. Und dass er immer wieder darin verfällt das mit seinen Gedanken verstehen zu wollen.
Thilo führte dazu aus, dass sich dieser Prozess des sich nach innen Wendens, wie ein Sog nach unten anfühlen kann oder eben wie ein schweben. Schweben in der Unendlichkeit, der Leere, dem Nichts.

Bei dem Bericht eines Anderen, der von einer Therapiegesprächssituation erzählte, wo auf einmal seine Wut ganz weg war und er dieses Gespräch dann nur noch als 'Spielchen' empfand vermuteten wir das Ego im Spiel. Und vielleicht war diese Wut dann nicht 'verbrannt' sondern doch nur in den 'Keller' zu den Anderen gesperrt.
Verbrennen, was für uns heisst, dass Alles dasein darf wie es auftaucht und in der Folge nichts damit gemacht wird. Weder ausagieren noch eine Geschichte dazu machen. Und dann hört jedes Gefühl irgendwann auf. Ist 'verbrannt' Vielleicht nach 2 aber vielleicht auch erst nach 7 Minuten.
Aber die Themen kommen jetzt mehr und das macht auch uns Mut an unserem einjährigen Projekt dran zu bleiben.


Und für die weitere Körperarbeit wünschen sich [fast] alle 'Meditations-Socken'
Bei allem Spass meinte Thilo - das will er mal mit Helga bereden, da Helga ganz besondere Socken stricken kann.

So sehen wir zukünftig vielleicht noch besser ausgestattet dem kommenden Mittwoch und dem Wochenende im Mai entgegen um die Arbeit fortzusetzen.


Heute geht es gleich in Sachen Projekt weiter. Ein Freund aus meiner NLP-Ausbildung hat uns angeboten zu versuchen für das Projekt Fördermittel zu finden. Damit wäre uns auch viel geholfen, da wir bisher immer noch alles aus eigener Tasche zahlen. Ich muss mich korrigieren; es gibt ja bereits eine Privatspende!


Danke fürs lesen
Rainer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen