Donnerstag, 30. September 2010

Nicht einverstanden sein

Heute, am 29.09.2010, waren fast alle am Modellprojekt teilnehmenden Häftlinge anwesend, sodass wir mit fünf Männern arbeiten konnten.

Die von Thilo angeleitete Einstiegstrance war in Form der Bewusstheitsübung angelegt und sollte von den Gedanken weg immer tiefer in die Gefühle und Erfahrungen führen.

Den anschliessenden Erfahrungsaustausch haben wir dann noch mit folgender Frage präzisiert: "Was genau hilft dir von den praktizierten Methoden und Instrumenten bzw. wo hast du noch Probleme?"
Schliesslich wollen wir im Rahmen des Modellprojektes keinen philosophischen Diskurs abhalten sondern mit erprobten praktischen Hilfsmitteln der Erfahrung der inneren Freiheit näher kommen.

Nacheinander berichteten die Teilnehmer [A - E]:
A) "Mir hilft die Arbeit hier, meine gedanklichen und gefühlsmässigen Impulse zu kontrollieren. Wobei das Kontrollieren bedeutet, nichts mit den Gedanken zu machen und bei den Gefühlen, sie innerlich 'toben' lassen, bis sie sich von alleine auflösen. D. h., 'verbrennen'"

Anmerkung von uns; da bei den Schilderungen auch der Hinweis fiel " . . . es soll mir gut gehen" haben wir empfohlen, genau darauf zu achten, dass nicht etwa unangenehme Gedanken oder Gefühle weggemacht werden!

B) "Ich bin mir viel besser meiner authentischen Gefühle bewusst. Speziell denen, die durch die Erinnerung an die Tat ausgelöst werden."

C) "Das Loslassen bringt mich immer tiefer. Dadurch erreiche ich die weiteren Gefühle unter den oberflächlichen Gefühlen. Bei allem bin ich aber auch misstrauisch, was vielleicht auch Angst sein könnte. Schlussendlich taucht für mich dann etwas auf wie ein schwarzes Loch, in das alles hineinfällt.

Anmerkung von Thilo: "Dann bleib da drin. Das Ego muss nicht wieder aus dem schwarzen Loch auftauchen.

D)"Meine Körperwahrnehmung hat sich sehr verbessert. Ich bin ruhiger und gelassener geworden. Die Hausaufgabe habe ich leider nicht gemacht, da ich sehr schreibfaul bin bzw. bin ich sehr ausgelastet, da man mir hier die Möglichkeit gibt, die Schule nachzuholen.

Anmerkung von Thilo: "Dann hiermit eine neue Hausaufgabe, wo nur ganz ganz wenig zu schreiben ist. Finde einen Satz auf die Frage - Was ist meine allertiefste Sehnsucht?"

E) "Ich habe tatsächlich mit dem Rauchen aufgehört. Es macht mir auch nichts aus, mit Rauchern zusammen zu sein. Im Moment kaue ich zwar mehr Kaugummi aber das sind die Kostenersparnis und die Gesundheit wert. Das gesparte Geld kann ich z. B. meinem Enkel zukommen lassen. Und ich fühle die Freiheit, die mit dem Nichtrauchen verbunden ist."

Frage dazu: "Was soll dir die Gesundheit geben? Antwort "XYZ" und was soll das dir geben, und was das, usw. Am Ende kamen dann die Worte "Leben, Freude"


Danach haben wir folgende 2-er - Übung angeleitet, wobei wechselseitig einer den anderen als 'Spiritueller Freund' begleitet:

Der Begleiter stellt die Frage: "Mit wem oder was bist du nicht einverstanden?" Dann kommt die Antwort "XYZ" Diese Antwort wiederholt der Begleiter wortgetreu und fragt anschliessend: "Und wie reagierst du darauf?" Dann kommt wieder eine Antwort, wofür sich der Begleiter bedankt und wieder die Ausgangsfrage stellt: "Mit wem oder . . ."

Nach dem abschliessenden Erfahrungsaustausch und der Vorfreude auf das 2. Wochenende vom 15. - 17. Oktober 2010, haben wir uns für heute wieder verabschiedet.

Rainer

Donnerstag, 16. September 2010

Dem Tod begegnen und der Angst

In der Eingangstrance sollten sich die Teilnehmer vorstellen, dass das Leben nur eine leere Projektionsfläche wäre. Wie eine leere weisse Kinoleinwand. Und auf dieser Leinwand werden dann Bilder und Laute drauf projiziert. Mal Komödien, mal Liebesfilme, Action oder Dokumentationen. Oder deine Geschichte. Dein Leben. Und das diese Bilder und Geschichten nicht das wirkliche erfahrbare Leben sind. Und welche Erfahrungen gemacht werden, wenn die Geschichten aufhören und nur noch da ist, was unmittelbar im jetzigen Moment auftaucht.
Das da vielleicht auch Angst auftaucht und sich festgehalten wird. Am Körper, am Leben, eben an der Geschichte.

So bat ich die Teilnehmer immer noch in der Trance, sich vorzustellen, sie hätten sich in einem tiefen Urwald verirrt und es gäbe wirklich und ganz sicher keine Hoffnung, dass sie in den nächsten Tagen gefunden werden könnten.
Und dass sie jetzt von der giftigsten Schlange gebissen worden wären, die es auf der Erde gibt. Wo man weiss, dass es kein Gegengift gibt und sie sicher in längstens 2 Stunden tot sein werden.
Beim anschliessenden Erfahrungsaustausch wurde deutlich, woran der Einzelne noch festhält. Z. B. am Körper. Aber es wurde auch berichtet, dass mit der Vorstellung über den sicheren Tod ein Einverstanden einherging. Eine tiefe Ruhe eingekehrt ist.

Weil das Thema Angst vor dem Tod bzw. Tod überhaupt öfter angesprochen wurde, habe ich gleich eine weitere Trance-Übung gemacht. Dabei sollten sich die Teilnehmer ihre eigene Beerdigung vorstellen. Sie wären ganz sicher gestorben und lägen jetzt in ihrem Grab. Und sie könnten noch rausschauen und sehen, wer sich alles um das Grab versammelt hat. Familienangehörige, Freunde und Bekannte, KollegenINNEN, Sportfreunde u. ä. Oder auch wichtig, wer ggf. fehlte.
Und dabei sollten sie sich jeden einzelnen der Trauergesellschaft genau anschauen. Was er tut, wie sein Gesichtsausdruck ist, welche Kleidung er trägt, usw. Und dann sollte jemand noch näher an das Grab herantreten und eine Grabrede halten. Wer war es - mit welcher Haltung und Mimik - was sagte er / sie?

Nachdem die Trance beendet war und alle wieder unversehrt und lebendig im Raum, war es doch so, dass alle zu ihrer eigenen Überraschung keine Angst hatten. Wirklich einverstanden waren und im Frieden damit.

Mit einem abschliessenden Austausch über die Fiktion des Egos und die inständige Empfehlung, unbedingt auch ausserhalb der 2 Stunden mittwochs an der 'Inneren Freiheit' zu arbeiten, habe ich mich verabschiedet.

Rainer

Mittwoch, 8. September 2010

"Nur weil du ein Pferd reitest bist du nicht das Pferd" - Der Körper

Gestern, auf dem Weg zum Gebäude der Sozialtherapeutischen Abteilung, bereits innerhalb der Haftanlage, begegnete mir Herr Feelgood, der Leiter der SothA. Neben der freundlichen Begrüssung sprachen wir kurz darüber, wie wohl zu bestimmten Zeitpunkten im Projekt, oder bei Projektende, die Evaluation der Arbeit erfolgen kann. Neben den von uns eingesetzten Fragebogen und der Einzelfallanalyse auf Seiten der Sota ist noch Raum für weitere Ansätze. Möglicherweise wird auch der Dokumentarfilm hierzu einiges bieten.

Die Teilnehmer 'tröpfelten' ab 17. Uhr nacheinander ein, sodass durch die jeweilige Begrüssung des Nächsten und die Gespräche untereinander ein gewisses Mass an 'Lärm' entstand.
Dies habe ich zunächst einmal so laufen lassen, um anschliessend darüber zu sprechen, dass wir genau das nicht wollen. Nicht wollen, dass sich die 'Alltagsgeschichten' begegnen:
"Wie wars gestern - wie heute - wie wird es morgen werden?"

Vielmehr wollen wir die kurze Gelegenheit unserer wöchentlichen Treffen nutzen, um auszuprobieren, wie es ist, in Stille mit sich zu sein.
Also gleich zu Beginn eine meditative, besser kontemplative Haltung einzunehmen.
D. h., für sich in Stille sein und offen sein für das was auftaucht.

Dafür hatten wir einen ganz neuen Teilnehmer dabei, der zunächst einmal offen erfahren wollte, um was für eine Art von Arbeit es sich handelt.
Später, als er von mir hörte, dass wir sehr mit den Gefühlen arbeiten, berichtete er Folgendes.
Als er ins Gefängnis kam war seine Tochter noch klein und er wollte auf keinen Fall, dass Sie ihn im Gefängnis sieht. Aber Sie wollte unbedingt und so hat er sie vor einiger Zeit nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Als junge Frau. Und als sie sich in den Armen lagen hat er geweint.
"Das ist doch schön und insbesondere natürlich" meinte ich dazu und war sehr berührt von seinen Ausführungen.

Als weiteren Einstieg habe ich die Körpertrance angeleitet, mit der von den Füssen beginnend, quasi inwendig, eine Reise durch den ganzen Körper erfolgt. Zum Abschluss sollte jeder als Vorstellung aus seinem Körper heraustreten und sich diesen einmal genau betrachten. Bei dem anschliessenden Erfahrungsaustausch ging es auch darum festzustellen, dass wir nicht der Körper sind. Wir haben einen Körper, sind aber nicht der Körper. So wie wir nicht das Pferd sind, nur weil wir es reiten. Für den ein oder anderen war das nicht so leicht erfahr oder annehmbar.

Bei einem Teilnehmer löste es Wut und Hass aus, sich, seinen Körper wie in einem Spiegel zu sehen. Als die Wut einen Satz sagen sollte ging das aber [noch] nicht.

Dann sollte jeder sich einmal vorstellen, er sei ein Bär.
Ein grosser stattlicher Grizzlybär.
Und ganz bewusst und mit jeder Körperzelle in diese Rolle hineinspüren.

Was empfindet so ein Tier, wie verhält es sich? Wie ist die Körperhaltung, welche Laute gibt das Tier von sich und bei welchen unterschiedlichen Gelegenheiten?
Dann sollten alle aufstehen und im Raum herumgehen. Ganz so wie sie glaubten, dass ein Bär dies tun würde. Wie würde er auf Rivalen reagieren, wie Futter suchen, oder sich an einem Baum reiben, wenn ihn sein Rücken juckt?
Aber das Wichtigste im Unterschied zu uns - ein Bär weiss nicht, dass er einer ist. Er denkt nicht darüber nach wie er ist oder vielleicht anders sein möchte.

Mensch-Sein ist etwas anderes als nur der Körper sein. Das was etwas wahrnehmen kann, ein Objekt, ist nicht das Objekt. D. h., da du den Körper wahrnehmen kannst bist du nicht der Körper. Und diese tiefere innere Erfahrung wollen wir hier in der Arbeit ermöglichen.
Bzw. jeder Einzelne kann für sich diese Errfahrung zu jeder Zeit machen. Indem er anhält - still bleibt.

Zum Schluss sind wir die letzten 10 Minuten ganz in Stille sitzen geblieben.


Rainer