Mittwoch, 8. September 2010

"Nur weil du ein Pferd reitest bist du nicht das Pferd" - Der Körper

Gestern, auf dem Weg zum Gebäude der Sozialtherapeutischen Abteilung, bereits innerhalb der Haftanlage, begegnete mir Herr Feelgood, der Leiter der SothA. Neben der freundlichen Begrüssung sprachen wir kurz darüber, wie wohl zu bestimmten Zeitpunkten im Projekt, oder bei Projektende, die Evaluation der Arbeit erfolgen kann. Neben den von uns eingesetzten Fragebogen und der Einzelfallanalyse auf Seiten der Sota ist noch Raum für weitere Ansätze. Möglicherweise wird auch der Dokumentarfilm hierzu einiges bieten.

Die Teilnehmer 'tröpfelten' ab 17. Uhr nacheinander ein, sodass durch die jeweilige Begrüssung des Nächsten und die Gespräche untereinander ein gewisses Mass an 'Lärm' entstand.
Dies habe ich zunächst einmal so laufen lassen, um anschliessend darüber zu sprechen, dass wir genau das nicht wollen. Nicht wollen, dass sich die 'Alltagsgeschichten' begegnen:
"Wie wars gestern - wie heute - wie wird es morgen werden?"

Vielmehr wollen wir die kurze Gelegenheit unserer wöchentlichen Treffen nutzen, um auszuprobieren, wie es ist, in Stille mit sich zu sein.
Also gleich zu Beginn eine meditative, besser kontemplative Haltung einzunehmen.
D. h., für sich in Stille sein und offen sein für das was auftaucht.

Dafür hatten wir einen ganz neuen Teilnehmer dabei, der zunächst einmal offen erfahren wollte, um was für eine Art von Arbeit es sich handelt.
Später, als er von mir hörte, dass wir sehr mit den Gefühlen arbeiten, berichtete er Folgendes.
Als er ins Gefängnis kam war seine Tochter noch klein und er wollte auf keinen Fall, dass Sie ihn im Gefängnis sieht. Aber Sie wollte unbedingt und so hat er sie vor einiger Zeit nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Als junge Frau. Und als sie sich in den Armen lagen hat er geweint.
"Das ist doch schön und insbesondere natürlich" meinte ich dazu und war sehr berührt von seinen Ausführungen.

Als weiteren Einstieg habe ich die Körpertrance angeleitet, mit der von den Füssen beginnend, quasi inwendig, eine Reise durch den ganzen Körper erfolgt. Zum Abschluss sollte jeder als Vorstellung aus seinem Körper heraustreten und sich diesen einmal genau betrachten. Bei dem anschliessenden Erfahrungsaustausch ging es auch darum festzustellen, dass wir nicht der Körper sind. Wir haben einen Körper, sind aber nicht der Körper. So wie wir nicht das Pferd sind, nur weil wir es reiten. Für den ein oder anderen war das nicht so leicht erfahr oder annehmbar.

Bei einem Teilnehmer löste es Wut und Hass aus, sich, seinen Körper wie in einem Spiegel zu sehen. Als die Wut einen Satz sagen sollte ging das aber [noch] nicht.

Dann sollte jeder sich einmal vorstellen, er sei ein Bär.
Ein grosser stattlicher Grizzlybär.
Und ganz bewusst und mit jeder Körperzelle in diese Rolle hineinspüren.

Was empfindet so ein Tier, wie verhält es sich? Wie ist die Körperhaltung, welche Laute gibt das Tier von sich und bei welchen unterschiedlichen Gelegenheiten?
Dann sollten alle aufstehen und im Raum herumgehen. Ganz so wie sie glaubten, dass ein Bär dies tun würde. Wie würde er auf Rivalen reagieren, wie Futter suchen, oder sich an einem Baum reiben, wenn ihn sein Rücken juckt?
Aber das Wichtigste im Unterschied zu uns - ein Bär weiss nicht, dass er einer ist. Er denkt nicht darüber nach wie er ist oder vielleicht anders sein möchte.

Mensch-Sein ist etwas anderes als nur der Körper sein. Das was etwas wahrnehmen kann, ein Objekt, ist nicht das Objekt. D. h., da du den Körper wahrnehmen kannst bist du nicht der Körper. Und diese tiefere innere Erfahrung wollen wir hier in der Arbeit ermöglichen.
Bzw. jeder Einzelne kann für sich diese Errfahrung zu jeder Zeit machen. Indem er anhält - still bleibt.

Zum Schluss sind wir die letzten 10 Minuten ganz in Stille sitzen geblieben.


Rainer

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