Montag, 18. Oktober 2010

Alte Geschichten loslassen

„Alte Geschichten loslassen“,

damit beginnt unser 2.Projektwochenende vom 15. bis 17.10.2010 in der JVA Brandenburg.

An jedem dieser Tage beginnen wir mit einer Stunde Yoga. Wir nennen es das Yoga des Schmelzens, weil es darauf ausgerichtet ist, mit dem Atem in die einzelnen Körperhaltungen hineinzuschmelzen. Dieses Hineinschmelzen lässt den Körper weicher und durchlässiger werden, wodurch die Gefühle besser und deutlicher wahrgenommen werden können.

Die Männer gehen mit Freude und Engagement in die Übungen obwohl es teilweise sehr anstrengend für sie ist. So dass wir immer darauf hinweisen müssen sich nicht zu überanstrengen. Sondern wirklich bewusst in die einzelnen Körperhaltungen hineinzuschmelzen, damit dieses „Hineinschmelzen“ zu einer inneren Haltung im Leben werden kann.

Nach einer kurzen Ruhepause beginnen wir mit dem Thema des Wochenendes „Alte Geschichten loslassen“. Diese Geschichten machen den Männern das Leben schwer. So schwer, dass sie am liebsten gar nicht darüber reden möchten. Die gestellte Frage vom vergangenen Mittwoch „Mit welchen Geschichten kannst Du nicht in Frieden sein?“ ist nicht beantwortet. Keiner der Männer hat Antworten aufgeschrieben.

Auf alte, unangenehme und vielleicht auch schmerzhafte Ereignisse zu schauen ist wohl für jeden Menschen eine große Herausforderung und so gibt es auch hier bei den Gefangenen große Berührungsängste mit ihrer Vergangenheit. Es zeigt sich, dass das schmerzhafte Ereignis häufig in einem frühen Lebensabschnitt liegt. Darauf zu schauen, löst viele Gefühle aus, die bisher gut verdeckt waren. Löst Widerstände aus und Impulse, darüber hinwegzugehen.
Doch langsam, bestimmt und liebevoll nehmen wir uns die Zeit, um wirklich bei den alten Geschichten und den dazugehörigen Gefühlen zu bleiben. Die Geschichten, die immer noch da sind, die die Männer in Unruhe versetzen und sie Nachts nicht schlafen lassen weil sie bisher noch nicht annehmen konnten, dass es so geschehen ist, wie es geschah. Mit dem Anschauen der Geschichte kommen alle Gefühle hoch, alle die damit verbunden sind. Manchmal ist da sehr viel Schmerz, Schmerz der Raum haben will, um gefühlt zu werden. Und dann fließen Tränen, die schon immer geweint werden wollten. Tränen, für all das, was geschah. Und es gibt soviel Scham, sich mit allem zu zeigen, mit all dem guten und all dem schlechten.

Dieses Wochenende hat uns alle bewegt und unser aller Herzen weiter werden lassen. Es hat uns alle hineinschmelzen lassen in die Gefühle, die jetzt wirklich Raum haben dürfen, damit das zu Ruhe kommen kann womit wir nicht im Frieden sind - bei den Männern in der JVA und auch bei uns im Team.

So kann jeder einen ersten Schritt hin zu Annehmen seiner Geschichte machen und Verantwortung übernehmen, für das was geschehen ist. Ohne etwas zu beschönigen oder besonders herauszustellen.

Es darf so sein, wie es war. Das ist der Satz der alles in Bewegung setzt und das Leben verändern kann.

Thilo

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