Donnerstag, 3. Juni 2010

Wirkliche spirituelle Arbeit heisst nicht "es soll mir gut gehen"

Gestern, am 02.06.10, haben wir eine Stunde früher begonnen. Und zwar auf Wunsch der Häftlinge um gemeinsam Yoga zu machen.
Die Bedeutung und die Wirkung des Yogas waren noch vom Wochenendseminar Anfang Mai in Erinnerung und daraus auch der Wunsch, sich immer wieder einmal gemeinsam dazu zu verabreden. Thilo hat diverse Übungen angeleitet, wie sie auch in Schriftform an die Häftlinge übergeben worden waren, sodass diese jederzeit und für sich die Übungen machen können. Alleine oder mit anderen.

Nach der anschliessenden Trance, wo es u. a. darum ging, noch einmal genau zu erforschen, was will ich, ergab es sich, dass jeder sich einzeln führen lassen wollte.

Der erste Teilnehmer hing immer noch an dem Satz: "Es durfte so sein wie es war." Er konnte den Satz nicht wirklich annehmen. Was er dazu allerdings deutlich fühlen konnte war sehr viel Wut. Und im Dialog wurde klar, dass es ansatzweise von ihm doch falsch interpretiert worden war. Nämlich wie eine Art Entschuldigung an die Opfer oder sich selbst gegenüber. Das meint der Satz aber nicht. Vielmehr ist damit gemeint, dass es bereits geschehen ist und, dass es zum damaligen Zeitpunkt nicht besser gewusst worden war.

Der zweite Teilnehmer hatte sein bestes 'Sonnenscheinlächeln' aufgesetzt. Natürlich gab es auch einen schönen Grund, nämlich den ersten Freigang über einen ganzen Tag zur Familie. Nach über 5 Jahren.
Dazu auch noch die 'schöne' Arbeit, wo man alleine für sich ist und ganz wegtaucht. Und wie so oft war alles "gut"
Kein Ärger, keine Traurigkeit, kein Schmerz. "Ich habe das gelassen - brauche es nicht mehr" Doch im Gesicht, am Kinn und am Hals, da war die Anspannung und der Ärger ganz deutlich zu sehen.
Und im weiteren Gespräch wurde deutlich, wie rasend schnell die Gedanken dahin galoppieren und jedes Fühlen in den Hintergrund wegdrängen. Praktisch nach jedem Wort, dem vermutlich eine viel grössere Fülle an Gedanken vorausging und noch folgte, war eine bewusste Pause sehr entspannend und ermöglichte ein wenig den Kontakt zu den Gefühlen.
Die vorher beschriebene Erfahrung, bei der Arbeit in sich zu versinken, klang ganz nach einem Flow-Erlebnis. Das ist auch ganz schön und ok, hat aber mit der wirklichen spirituellen Arbeit, der inneren Freiheit, dem Aufwachen nichts zu tun!
Hier geht es vielmehr darum alles auftauchen zu lassen wie es kommt und anzunehmen. Zu fühlen. Ganz ohne Gedanken, ohne Geschichte. Das andere ist wie neue Tapeten im 'Gefängnis'. Aber tatsächlich kannst du das 'Gefängnis' ganz verlassen.

Und damit waren die Fragen wieder im Raum:
"Was willst du? Was ist dir wirklich wichtig? Warum bist du hier?"

Mit diesen Fragestellungen ging es dann auch noch kurz zu dem dritten Teilnehmer. Dessen Ärger und die Wut über den Umgang mit ihm wurden gleich mal auf die Anderen/die Therapeuten im Knast abgeschoben. Über deren nach seiner Meinung falsche Einschätzen und Bewerten seiner Person. Und gleich wünscht er sich dien nächste Bewertung. Von Thilo und mir . . .
Wie viel wertvoller war es doch da, wenn er sich wie bereits bei dem letzten Besuch und Gespräch mit Nine in seiner Berührtheit und mit seiner Sehnsucht zeigt. Wunderschön.
Also lautet die Hausaufgabe an ihn; Ich folge meiner Sehnsucht.

Alles Liebe
Rainer